Eine Stilkunde #aufmeinemnachttisch

heute: Wolf Schneider, Deutsch für Kenner. Die neue Stilkunde, München 2011 (7. Auflage).

Neu ist sie nicht, erstmals erschienen 1987. Gleichwohl ist die Stilkunde mit ihren knapp 30 Jahren auf dem Buckel aktuell. „Stilkunde“ klingt fürchterlich trocken, ist es in diesem Fall aber gar nicht. Ehrlich gestanden lese ich immer darin, wenn ich abends noch etwas zum Lachen brauche.

Spannend ist das Verhältnis von Regeln und Freiheit. Schneider stellt die Frage selbst: „Soll der Stil, bisher schon in 21 Kapiteln durch Dutzende Regeln eingeengt, nicht einmal im Rhythmus und in der Farbe seine individuelle Freiheit haben?“ (S. 220) Seine Antwort: Zwar könne man sich den aktuellen Moden entziehen, jedoch sei niemand ganz frei von den Strömungen seiner Zeit. „Ebensowenig kann einer sich befreien von den Gesetzen des Rhythmus, der Farbe und der Melodie; und wenn er es könnte, dann sollte er es nicht: Er würde seinen Lesern oder Hörern auf die Nerven gehen.“ (S. 220f.) Ergo: Die Regeln sind bei allen Freiheiten der Schlüssel zum gut lesbaren Text. Kaum ein Autor wird laufend dasitzen und sich sagen: „Ich darf nicht …“ Über die Regeln ab und an nachzudenken, ist allerdings weiterführend.

Drei Hinweise fand ich ausgesprochen hilfreich für das eigene Schreiben:

  1. Schriftzeichen sind wie Noten: „Alles Geschriebene appelliert an unser Ohr; nur im Wege des inneren Hörens können wir die optischen Signale in die akustischen zurückverwandeln, die allein gemeint sind. Viele scheinbar stumm Lesende bewegen ja die Lippen, dann hören sie mehr.“ (S. 222) Schneider vergleicht dieses Bild mit dem Musiker, der eine Partitur liest, und unwillkürlich anfängt, mit den Fingern den Rhythmus auf den Tisch zu trommeln. (S. 222)
  2. Wenn wir schon beim Zuhören sind: Die Interpunktion macht die Melodie (S. 225). Deswegen sollten wir laut Schneider unseren Lesern auch bei rhetorischen Fragen beispielsweise nicht das Fragezeichen verwehren. Und er beantwortet eine Frage, die mich schon lange umtreibt: Setzte man ein Fragezeichen bei indirekter Rede? Seine Antwort: Ja, da es für den Leser wesentlich angenehmer ist.
  3. Und schlussendlich: Leser und Hörer wollen umworben werden. Und sie wollen nicht unterfordert werden! Das gefällt mir fast am Besten. (S. 249)

 

Auf Wolf Schneiders humorvolle Weise die Sprache zu reflektieren, ist ein Genuss. Es macht einfach Spaß einem erfahrenen Autor, der unter anderem Kolumnist der Neuen Zürcher Zeitung und Ausbilder an verschiedenen Journalistenschulen war, zuzuhören!

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